Saturday, March 9, 2013

Kind, wieso isst du denn nichts? - Gastpost// Ninon


BEI ESSSTÖRUNGEN GEHT ES NICHT UM DAS GEWICHT

Zum Thema Essstörungen existieren zahlreiche Mythen – und die meisten von ihnen könnten nicht ferner von der Realität sein. So fällt für die meisten unter das Thema „Essstörung“ nur die „Magersucht“, auf Medizinerschlau als Anorexia nervosa bezeichnet. An dieser Krankheit leiden der allgemeinen Meinung nach ausschließlich (aber dafür fast alle) Mädchen, die dünner sind als der Durchschnitt. Die „Krankheit“ ist die Tatsache, dass sie nicht essen, die „Heilung“ besteht in normaler Nahrungsaufnahme. Wenn das Leben doch nur so einfach wäre...
An einer Essstörung können durchaus auch Frauen und Männer leiden, die Übergewicht haben oder – man höre und staune – vollkommen normalgewichtig sind! Schon hört das Konzept auf, simpel zu sein!
Möchte man nun einen Schritt weitergehen und die Dynamik der Erkrankung verstehen, sollte man sich von weiteren Vorstellungen verabschieden, die einem zuvor durchaus schlüssig erschienen.

# Nicht jeder „zu dünne“ Mensch ist magersüchtig.

Wirft man gelegentlich einen Blick in eine Frauenzeitschrift, dürfte einem der ‚body mass index’ (kurz: BMI) geläufig sein. Auch in der Medizin findet dieser Index, angegeben in kg/pro Quadratmeter Körpermasse, Anwendung. ‚Normalerweise’ sollte der BMI zwischen 25 und 20 liegen, ab einem Wert von 17,5 gilt man als untergewichtig und erfüllt eine von mehreren Kriterien einer Magersucht. Dafür müsste eine 1,70 große Frau zum Beispiel 51 kg wiegen. Zöge man den body mass index als einziges Diagnosekriterium heran, müsste man wahrscheinlich ganz Bayern zu einem einzigen Therapiezentrum für Magersüchtige umfunktionieren, um die Versorgung der Erkrankten zu gewährleisten... Oder einen Mastbetrieb daraus machen. „Essstörung“ ist keine Blickdiagnose!

# Die Körperschemastörung:

"Ich sehe was, was du nicht siehst!"



Wenn jemand, der an Anorexia nervosa leidet, meint, er fände sich viel zu dick, dann ist das keinesfalls fishing for compliments. Ein Magersüchtiger nimmt seinen Körper tatsächlich anders wahr: zu viel Speck um den Bauch, zu dicke Schenkel und Arme... Da kann man noch so oft versichern, die betreffende Person sei nicht mehr als Haut und Knochen! Der Körperbau anderer Personen kann übrigens weiterhin realistisch beurteilt werden.









# Das Gewicht ist nicht der Grund!

"Wenn ich esse, fühle ich mich verletzlich.
Hungern gibt mir Stärke" 
Es erscheint logisch: Magersüchtige hungern, weil sie
sich zu dick finden. Aber nur, weil man mit der eigenen Figur unzufrieden ist, nachdem man sich den Victoria’s Secret– Katalog angesehen hat, wird man noch lange nicht magersüchtig!
Bei Essstörungen geht es um Kontrolle: Besonders
Magersüchtige haben das Gefühl, keinerlei Einfluss auf ihre Umwelt zu haben, deshalb konzentrieren sie sich auf das, was sie essen – oder besser: nicht essen – um  zumindest einen Aspekt ihres Lebens kontrollieren zu können. Nicht umsonst sind es klassischerweise junge Mädchen in der Pubertät, die eine Essstörung entwickeln. Gerade die aufkeimende Sexualität, die Veränderung des eigenen Körpers macht ihnen Angst und Magersucht ist eine Möglichkeit, dem entgegen zu wirken.
Anders ausgedrückt: Nur weil jemand gerne so dünn
wäre wie ein Supermodel, fängt er nicht an, sich halb
zu Tode zu hungern. Da muss noch einiges mehr
dazukommen...






# Binge eating – Essen als Ersatzbefriedigung?

Viele können sich wohl mit dem klassischen „Frustesser“ identifizieren, der sich über ein Beziehungs-Aus mit einer großen Packung Eiscrème hinwegtröstet und nach einem richtigen miesen Tag erst einmal eine Tafel Schokolade vertilgen will. Es gibt allerdings Menschen, die unter Heißhungerattacken leiden – das heißt: Daran verzweifeln! Während dieser Episoden verlieren die Betroffenen jegliche Kontrolle über ihr Essverhalten jenseits von Hunger- oder Sättigungsgefühlen.
Das ist alles andere als ein Zeichen von fehlender Disziplin oder gar maßlosem Charakter! Die Essattacken entstehen aus dem dringenden Bedürfnis heraus, eine Möglichkeit zu haben, mit Stress oder emotionalem Druck umzugehen. Ein Versuch, innere Leere buchstäblich „auszustopfen“.
Nach den Essattacken stellen sich dann bei den Betroffenen Scham- oder Schuldgefühle ein, die in einen Teufelskreis aus Depression und noch mehr „Fressattacken“ führen.
Wie auch die Anorexia nervosa ist Binge eating eine behandlungsbedürftigen Krankheit mit enormem
Leidensdruck und schwerwiegenden Folgen!


# Ernst nehmen!

Sowohl Unter- als auch Übergewicht 
sind Zustände, die zahlreiche Komplikationen nach sich ziehen – unter anderem auch den Tod der Erkrankten. So kann bei extremem Untergewicht das Immunsystem seine Arbeit nicht mehr leisten, die Haupttodesursache unter Magersüchtigen sind banale Infekte, die von Gesunden leicht abgewehrt werden könnten. Übergewicht ist einer der Hauptrisikofaktoren für die Entstehung von Krebs und begünstigt Kreislauferkrankungen, die im späteren Leben unter anderem zu Herzerinfarkten oder Schlaganfällen führen können.
Davon abgesehen handelt es sich bei Essstörungen um psychische Erkrankungen, die mit emotionaler Instabilität einhergehen und die Lebensfreude und –qualität der daran Leidenden entscheidend mindern!
Kurz gesagt: Das Leben macht so kaum mehr Spaß!


Die Autorin dahinter heißt Ninon Sardou






3 comments :

  1. den post find ich echt richtig richtig gut!

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  2. Als ehemalige Betroffene von sowohl Anorexie als auch Bulimie (die auch sehr tückisch ist, weil man es den Betroffenen meistens nicht ansieht) finde ich es sehr wichtig, dass auch gerade auf Blogs offen über dieses Thema gesprochen wird. Daumen hoch!

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  3. heeei . als betroffene war ich ja echt skeptisch als ich die überschrift gelesen habe .. es wird nämlich so viel falsches über die krankheit geschrieben . aber ich muss dir ein großes lob aussprechen . wirklich gelungener post .. darf ich fragen warum du dieses thema gewählt hast .? bist du selbst betroffen oder hast du beruflich/privat mit der thematik zu tun .?

    liebe grüße .

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